1962 · Gedanken zur Musikerziehung

an höheren Schulen und an Volksschulen


Offener Brief
An das Kultusministerium Baden-Württemberg Stuttgart


Die Unterzeichneten, Professor Dr. Hermann Keller als Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg Deutscher Tonkünstler und Musiklehrer und Rechtsanwalt und Notar Dr. Franz Weiß als Präsident des Schwäbischen Sängerbundes 1849 e.V., gestatten sich, dem Kultusministerium im nachfolgenden einige Gedanken über die Musikerziehung unserer Jugend sowohl an höheren Schulen wie an Volksschulen zu unterbreiten. Wir machen keine konkreten Vorschläge - das ist Sache der Fachleute für Schulmusik -, aber wir möchten doch einige grundsätzliche Gedanken zu dieser Frage vortragen.

Mit wachsender Sorge beobachten wir eine zunehmende Verkümmerung der musischen Kräfte in unserem Volk. Das ist einerseits eine Folge der immer stärkeren Intellektualisierung unseres ganzen Lebens, andererseits auch eine indirekte Folge des hohen Lebensstandards, der vielfach zu einer Überbetonung der materiellen Werte geführt hat. Unter den musischen Künsten steht die Musik an erster Stelle. Sie wirkt am stärksten auf den jugendlichen Menschen wie auf den Erwachsenen ein. Und wenn in der Weltgeltung unsere Literatur und unsere bildende Kunst nicht an erster Stelle stehen, so ist doch die Weltgeltung der deutschen Musik unbestritten; und auf der ganzen Erde steht in der Pflege der Musik - im Konzert und in den Musikhochschulen - die deutsche Musik weitaus an erster Stelle. Dies betrifft aber vor allem die klassische Musik des 18. und 19. Jahrhunderts, und dem steht in der Gegenwart leider kein Äquivalent zur Seite. Es ist nur natürlich, daß die Anforderungen, die an die verstandesmäßige Ausbildung der Jugend gestellt werden, immer höhergetrieben werden, und daß mit dem Zudrang zu den höheren Berufen die Anforderungen immer mehr gesteigert werden; auf der anderen Seite aber verkümmert die musische Seite trotz der anerkennenswerten Bemühungen der Schulen und der Schulverwaltungen immer mehr.

Um dem zu begegnen, sind vor einigen Jahren allenthalben Jugendmusikschulen gegründet worden, die einen außerordentlichen Zulauf gefunden haben. Sie nehmen sich der Elementarbildung der Kinder an und haben viele Hunderte von Kindern zur Musik geführt, die sonst ohne Unterricht geblieben wären. Wenn die Jugendmusikschule aber ein Kind entläßt und dem Privatunterricht zuführt, so ist leider zu beobachten, daß viele Eltern unter dem übermäßigen Druck der schulischen Anforderungen, besonders wegen schlechter Zeugnisnoten ihrer Kinder, mit dem Musikunterricht aussetzen oder ihn ganz aufgeben. Auch wo das nicht der Fall ist, sind doch die Kräfte der Oberschüler oft bis zu einem Maße beansprucht, daß nur bei außerordentlicher Liebe zur Musik noch die nötige Kraft und Zeit zur Erlernung eines Instruments übrigbleiben. Um so wichtiger ist, daß die Musik in der Schule den ihr gebührenden Platz erhält; vor allem, daß sie nicht - wie es leider beabsichtigt ist - noch weiter zurückgedrängt wird.

Wenn man darauf hinweist, daß nur ein kleiner Prozentsatz sich für Musik interessiere, so ist das kein Gegengrund; denn das ist ja schon die Folge dieser Unterbewertung der Musik gegenüber den wissenschaftlichen Fächern. Es zeigt sich auch, daß der Oberschüler nur in seltenen Fällen noch singen kann, und wenn man heute die Abiturienten fragen würde, welche Lieder sie kennen und können, so würde diese Antwort für uns sehr beschämend ausfallen. So sehr wir den Wert der Schallplatten anerkennen, so ist doch nach unserer Ansicht beim Musikunterricht nicht das Anhören von Schallplatten wichtig - denn das kann auch zu Hause in der Familie geschehen -, sondern die Hinführung der jungen Menschen zur lebendigen Musik, ganz besonders zum Singen.

Dasselbe gilt in der Volksschule, und wir müssen mit Beschämung sagen, daß andere Länder in der Grundschule und in den Mittelschulen eigene Musiklehrer haben, während bei uns der Hauptlehrer den Musikunterricht nebenbei gibt.

Professor Keller war neulich einige Wochen in Japan zu Vorträgen und Vorlesungen und erfuhr dort, daß die Mädchen, die an den Musikhochschulen studieren, nebenbei auch eine wissenschaftliche Ausbildung erhalten, damit sie später, wenn sie nicht auf das Podium kommen oder als Privatmusiklehrerinnen sich nicht durchbringen, in den kleineren Orten des Landes an Volksschulen als hauptamtliche Musiklehrerinnen mit ein oder zwei Nebenfächern angestellt werden. Dort werden also die Lieder unserer Musikkultur gelehrt und gelernt, die wir glauben vernachlässigen zu dürfen.

Und wie steht es mit der Ausbildung der Volksschullehrer? Der Abiturient, der intellektuell vertrocknet auf das PI kommt, soll dort sich in zwei bis drei Jahren eine notdürftige musikalische Ausbildung aneignen. Das ist in den meisten Fällen unzureichend und wird dazu führen, daß er als Lehrer die Musik ebenso vernachlässigen wird, wie er sie in seiner eigenen Ausbildung als Oberschüler vernachlässigt hat. Noch vor fünfzig Jahren gab es den Lehrer, der von dem Lehrerseminar eine gründliche musikalische Ausbildung bekommen hatte, der nun den Männerchor seines Ortes betreute, einen gemischten Chor gründete, der ein guter Klavierspieler und Organist war, seinen Schülern Lust und Liebe zur Musik vermitteln konnte und der musikalische Mittelpunkt in so vielen kleineren Städten des Landes war. Ein solcher trefflicher Mann war zum Beispiel der frühere Bundeschormeister Wilhelm Nagel. Aber wie ist das heute aufgesplittert in viele Einzelgebiete, die wieder von Einzelpersonen verwaltet werden, und der Effekt ist viel geringer als damals, wo alles in einer Hand lag.

Die Tätigkeit des Lehrers in der Kleinstadt und auf dem Dorf als Organist und Chorleiter verschafft diesem eine angesehene Stellung in der Öffentlichkeit, und schon aus diesem Grunde sollte der musikalischen Ausbildung der Lehrer besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Wir sehen heute schon mit Sorge, daß der Lehrer, der keine innere Beziehung zum Volkslied mehr hat, sich als Chorleiter nicht mehr für das deutsche Lied einsetzt; und daß es nicht nur landauf, landab an Chorleitern fehlt, sondern auch an Chorsängern, die eben durch die kümmerliche Musikpflege in der Schule überhaupt noch nicht zum Singen herangeführt worden sind.

Auf einer Tagung der Vorsitzenden der deutschen Tonkünstler und Musiklehrerverbände auf der Mainau wurden von ersten Fachleuten Referate über die Musikpflege in einer Reihe von außerdeutschen Ländern gehalten. Sie zeigten, wieviel größer dort der Anteil der Musik in der Erziehung ist und wieviel größer die Aufmerksamkeit ist, die man von seiten der Schule, aber auch der Elternschaft, diesen Fragen zuwendet. Dort wird die Musik noch nicht als eine lästige, nebensächliche Stunde betrachtet, die ja doch keinen Wert habe, weil sie im Zeugnis kein Gewicht hat, sondern man erfuhr, daß dort Chöre und Orchester, Arbeitsgemeinschaften für Kammermusik, für alte Musik, für alte Chormusik sich gebildet haben. Diese kommen zum Teil außerhalb der Schulstunden freiwillig zusammen; ihre Leistungen tragen aber zum Ruf der betreffenden Schule wesentlich bei und werden daher auch von den Schulleitungen entsprechend gewürdigt.

In all dem scheint es, als ob Deutschland hinter dem Niveau der übrigen Kulturländer immer weiter zurückbleibt, wenn nicht diese Gefahr von den verantwortlichen Stellen ganz klar gesehen wird und Maßnahmen getroffen werden, ihr zu begegnen.

Wir halten es für unsere Pflicht, diese Gedanken zur Kenntnis des Kultusministeriums zu bringen und sind jederzeit zu einer mündlichen Besprechung auf Wunsch gerne bereit.

Stuttgart, 18. Dezember 1961

gez.: Prof. Dr. Hermann Keller
gez.: Dr. Franz Weiß

Quelle:
Neue Zeitschrift für Musik, Januar / Februar 1962
Schott Music, Mainz

gleichlautend in
Musik im Unterricht, März 1962 - Allgemeine Ausgabe
erneut in
Musik im Unterricht, Mai 1962 - Ausgabe B: Zeitschrift für Musik in Schule und Lehrerfortbildung
Schott Music, Mainz